4 ultimative Serien-Empfehlungen für den Lock-down – Netflixabend

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Es muss nicht immer Hollywood sein!

Europäische Serien erobern den Streaming-Markt

Serienjunkies kennen sie alle. „House of Cards”, “The walking dead”, “Breaking Bad” oder wie sie alle heißen, Serien kommen – wie Kinofilme – häufig aus den USA. Die Qualität stimmt, die Schauspieler sind uns bekannt, es ist kein allzu großes Risiko dabei, sich eine davon auszuwählen. Das weiß auch Streaming-Riese Netflix und kauft daher für den deutschen Markt fleißig amerikanische Serien ein. Bei europäischen Produktionen weiß man eben nie, was man bekommt. Oder?

Falsch. Auf dem Sektor der historischen Serien kommt aktuell das Maß aller Dinge aus UK und nicht aus den USA. „Downton Abbey“ (2010-2015, Kino-Sequel 2019) hat – zu Recht – nicht nur auf den britischen Inseln, sondern überall auf der Welt seine Fans. Millionen verfolgten das Schicksal der Grafenfamilie auf ihrem Landsitz und die Verbindungen zwischen „oben und unten“, zwischen Herrschaft und Dienerschaft. Ausgangspunkt für die Serie war der Untergang der Titanic 1912, sie führt die Zuschauer über den Ersten Weltkrieg bis in die Roaring Twenties und eine Zeit der Umbrüche, in der die bis dahin festgeschriebenen Standesregeln aufzubrechen beginnen. Für alle, die nach den sechs Staffeln und dem Kino-Film immer noch Lust auf mehr historischen Serien-Spaß haben, könnte ein Blick nach Spanien interessant sein.

Eine Auswahl spanischer Drama-Serien

„Gran Hotel“ (dt. Grand Hotel, 2011-2013) eilt der Ruf voraus, das spanische „Downton Abbey“ zu sein. Tatsächlich spielt es wie die britische Konkurrenz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch in dem Luxushotel im fiktiven Cantaloa gibt es die Aufteilung in die Herrschaften, Gäste und Hotelbetreiber, sowie die Dienerschaft, Kellner, Pagen und Küchenpersonal. Anders als „Downton“ bringt „Gran Hotel“ auch Krimiaspekte mit und punktet vor allem durch Spannung und wohl gesetzte Cliffhanger. Leider tragen diese nicht ganz über die drei Staffeln und insgesamt 39 Episoden, wodurch die späteren Folgen im Vergleich deutlich abflachen.

In die Modewelt der 50er und frühen 60er Jahre entführt die Dauerbrennerserie „Velvet“ (2014-2016) ihre Zuschauer. Kaufhauserbe Alberto übernimmt die Firma seines Vaters, ohne zu wissen, in welch prekärer finanzieller Situation diese sich befindet. Seiner Jugendliebe zu Näherin Ana steht daher nicht nur der ohnehin kaum überwindbare Standesunterschied entgegen, sondern auch die Tatsache, dass es eine Interessentin gibt, die deutlich vermögender ist und den Junggesellen ebenfalls umgarnt. Auch „Velvet“ zeigt die Kluft zwischen der (vormals) vermögenden Ober- und der relativ armen Arbeiterschicht, im Gegensatz zu „Downton“ verzichten „Gran Hotel“ und „Velvet“ aber weitgehend auf die Thematisierung historischer Zusammenhänge.

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Der neuste Dramaserien-Hit aus Spanien heißt „Alta mar“ (dt. High seas, 2019 – noch nicht abgeschlossen) und spielt auf einem Luxusdampfer, der in den späten 40er Jahren Auswanderer von Spanien nach Brasilien bringen soll. Wie schon „Gran Hotel“ verknüpft auch „Alta mar“ historisches Drama mit Krimi-Elementen. Es geht dabei noch einen Schritt weiter und verwebt diese geschickt mit Mystery. Vor allem in der zweiten und bisher letzten Staffel überkommt den gespannten Zuschauer schon mal ein Gänsehautschauer. Dass das Schiff in weiten Teilen eine Computerillusion ist, sieht man der Serie leider, trotz aufwändiger Tricktechnik, streckenweise an. Die dritte Staffel soll noch 2020 erscheinen.

Mit den genannten drei Drama-Serien lässt sich die Mini-Serie „La Catedral del mar“ (dt. Die Kathedrale des Meeres, 2017) nur bedingt vergleichen. Zum einen spielt sie im mittelalterlichen Barcelona und thematisiert den realen Bau des titelgebenden Gotteshauses. Zum anderen ist sie wesentlich düsterer und verzichtet weitgehend auf romantische Verstrickungen. Der Leibeigene Arnaus schafft den Sprung vom einfachen Steineschlepper zum angesehenen Bürger Barcelonas, doch mit seinem Aufstieg gerät er in Machtspiele und Intrigen der Herrschenden. „La Catedral del mar“ ist eine Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans von Ildefonso Falcones. Die Serie besteht nur aus 8 Episoden und ist daher für geübte Binge-Watcher eher ein Appetithäppchen. Das Netflix Original begeistert jedoch durch aufwändige Ausstattung und die technische Umsetzung.

Was zeichnet spanische Drama-Serien aus?

Bereits in „Gran Hotel“ lassen sich gewisse wiederkehrende Schemata erkennen, die den spanischen Drama-Serien gemein zu sein scheinen. So nimmt auch in „Alta mar“ und „Velvet“ die eine oder andere aussichtslose Liebesgeschichte viel Raum ein. Den Protagonistinnen Alicia, Eva und Ana ist gemein, dass sie unabhängig denkende, starke Frauenfiguren sind, die sich mit den gesetzten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ihrer jeweiligen Zeit nicht so ohne weiteres abfinden wollen. Damit können sie sich in jedem Fall mit den Schwestern Mary, Sybill und Edith aus Großbritannien messen. Alle vorgestellten Serien sparen erfreulicherweise mit klassischen „Damsell in distress“-Motiven.

Ihre männlichen Gegenstücken Julio, Nicolás und Alberto hingegen, verbindet – neben der sportlichen Model-Optik, die Cousin Matthew in „Downton Abbey“ doch eher fehlt – vor allem eine enervierende Unentschlossenheit und der völlige Mangel an Tatkraft. Die Damenriege, die zum Glück bis in die Nebenrollen aus mehr oder weniger emanzipierten, vielschichtigen Frauenfiguren besteht, zeigt ein fast schon pathologisches Faible für tollpatschige, wenig entschlussfreudige Männer. Die einzige Ausnahme bildet „La catedral del mar“, das aber im Gegenzug zu den drei anderen auch den männlichen Protagonisten in den Fokus nimmt.

In allen Bereichen ebenbürtig

„Downton Abbey“ wurde für ITV produziert, für Idee und Skript zeichnet der Autor und Serienschreiber Julian Fellowes verantwortlich. In den Reihen der Schauspieler finden sich Größen wie Maggie Smith und Shirley MacLaine, andere Darsteller wurden erst durch ihr Mitwirken in „Downton“ bekannt. Große, international bekannte Namen können die spanischen Konkurrenten nicht vorweisen. Auch fehlt den Serien hierzulande die breite Fanbase, um eigene Stars hervorzubringen. Das nuancenreiche Spiel beispielsweise von José Sacristán, der sowohl in „Alta mar“ als auch in „Velvet“ besetzt wurde, lässt jedoch hoffen, dass man auch im deutschen Serienmarkt noch öfter von ihm hören wird.

Zeitgeist, Ort und Figurenkonstellation überzeugen in weiten Teilen. Nach einigen Folgen „Velvet“ am Stück stellt sich im Gegenteil fast so etwas wie ein 50ies-Overload ein. Wesentlich trägt dazu in allen Beispielen neben der Ausstattung auch der Soundtrack bei. Kameraführung und Schnitt können nahezu immer überzeugen. Nachvollziehbar ist nur nicht, weshalb insbesondere bei „Gran Hotel“ die ursprüngliche Aufteilung von Staffeln und Folgen für die deutsche Synchronisation verändert wurde. Statt ursprünglich 3 Staffeln mit 39 Folgen à 80 Minuten, hat die deutsche Version 66 kürzere Episoden verteilt auf 3 bzw. 5 Staffeln. Dadurch geht der eigentliche Fluss der Serie und die Cliffhanger an Folgen- und Staffelenden verloren.

Fazit: Der Blick über den Tellerrand lohnt sich!

Zusammenfassend kann man sagen, dass die spanischen Serienmacher mit viel Know-how an die Produktion ihrer Drama-Serien herangegangen sind. Sie haben sich diese auch einiges kosten lassen, so schätzte die spanische Presse die Produktionskosten von einer Velvet-Folge auf rund 500.000 EUR. Bei durchschnittlich 4 Millionen Zuschauern zur Erstausstrahlung auf Antena 3 und anhaltendem Streaming-Interesse dürften sich diese Kosten amortisiert haben. Nur „Downton Abbey“ liegt hier deutlich darüber, sowohl was die Kosten (ca. 1 Million pro Folge) als auch die Zuschauer (durchschnittlich 11 Millionen) betrifft. Für den Heimkino-Abend gerade in Zeiten der coronabedingte Ausgangssperre sind alle vier spanischen Serien uneingeschränkt empfehlenswert!

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