Von Hamstern und Hamsterern

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Als wäre die Corona-Krise nicht schon kurios genug, ließ sich bereits im Frühjahr ein seltsames Phänomen beobachten: Klopapier war plötzlich knapp! In einer globalen Krise macht die Bevorratung mit den lebensnotwendigsten Dingen tatsächlich Sinn und wurde sogar angeraten, aber warum ausgerechnet Klopapier?! In anderen europäischen Ländern ließen sich ähnliche Phänomene beobachten: in Italien war der Rotwein knapp, in den Niederlanden Gras und die Franzosen horteten offenbar Kondome. In Amerika hat das “preppen” (von engl. to prepar = vorbereiten) in Form des Anhäufens von Waffen eine gewisse Tradition. Der moderne Mensch, ein Hamster?

Der Hamster, das Nagetier

Der Hamster, lateinisch: Cricetinae, ist ein Nagetier aus der Familie der mäuseartigen Wühler. Es gibt ungefähr zwanzig verschiedene Arten, die sich in trockenen bzw. halbtrockenen Gebieten Europas und Asiens verbreitet haben. Bei uns lebt nur der Feldhamster in freier Wildbahn. Die meisten Hamsterarten sind nicht vom Aussterben bedroht, eine Ausnahme bildet der Syrische Goldhamster, den wir hierzulande als Haustier kennen, aus seiner Heimat im Nahen Osten ist er jedoch inzwischen nahezu ganz verschwunden.

Hamster sind maus- bis rattengroß, besitzen jedoch keinen Schwanz. Typisch sind die Backentaschen, in denen sie ihre Nahrung transportieren. Darin kann ein Hamster bis zu 50g Körner mitnehmen, was angesichts seiner geringen Körpergröße durchaus beachtlich ist. Hamster legen unterirdische Wintervorräte an, wobei sie in verzweigten Gängen und Tunnelsystemen bis zu 5kg Getreide einlagern können. Da kann man sich jetzt ausrechnen, wie oft ein Hamster dafür hin- und herlaufen muss. Entsprechend konnte eine große Hamsterpopulation schnell zu Ernteausfällen führen, weshalb die an sich possierlichen Tierchen von Landwirten weniger geschätzt wurden.

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Der menschliche Hamster(er)

Jahrtausende lang musste auch der Mensch hamstern. Sesshaftigkeit und Landwirtschaft brachten Fortschritte in der Versorgung, jedoch insbesondere die Bewohner der gemäßigten und kälteren Regionen mussten nach wie vor für Wintervorräte sorgen, um die Frostperioden bis zum Frühjahr zu überstehen. Dass strenge Winter einer dezidierten Vorbereitung bedürfen, war noch bis vor gar nicht so langer Zeit also auch für den Menschen normal. Hinzu kamen Missernten und Naturkatastrophen. Erst durch die Industrialisierung konnte eine gleichmäßige, ganzjährige Versorgung weitgehend sichergestellt werden. Technisierung und Globalisierung der letzten 100 Jahre führten dazu, dass in den Industrienationen heute alles zur Verfügung steht, was weltweit hergestellt werden kann.

Hamsterfahrten kennen die meisten daher nur noch aus den Geschichtsbüchern. Im Ersten Weltkrieg brach sich die Hamster-Natur des Menschen als Erbe seiner vorindustriellen Mangelgesellschaft wieder Bahn. Schon damals warnten jedoch Wissenschaftler davor, dass das individuell nachvollziehbare Verhalten in seiner Gesamtheit die Problematik erst noch verstärke. Die erhöhte Nachfrage nach einzelnen Produkten führe zu einer steigenden Verknappung und damit notwendigerweise auch zur Verteuerung. Der Hamster wurde zum Symbol für die Kriegs- und Nachkriegszeit.

Vom Leben in kollektiver Not

Eisenbahnwagenladungen voll Menschen drängten von der Stadt hinaus aufs Land, wo man sich Lebensmittel erhoffte. Noch 1923, fünf Jahre nach Kriegsende, verzeichnen Chronisten den “Overather Kartoffelkrieg“: Hunderte hungriger Kölner fielen im Bergischen Land ein. Zunächst versuchten sie noch ihre Habseligkeiten gegen Essen zu tauschen, als das nicht mehr half, begannen sie die Höfe und Felder der Bauern zu plündern. Mit Mistgabeln und Dreschflegeln setzten sich die Bestohlenen zur Wehr.

Die neuen Machthaber der 30er Jahre bauten diesen “Volksschädlingen” für künftige Kriege vor, indem sie das Hamstern ächteten. Geldverleiher waren häufig Juden, da die Kirchen den Christen lange ein Zinsverbot aufzulegen versucht hatten, so kann man Belege finden, dass die Begriffe “Pfandleiher”, “Hamster” und “Jude” oft synonym verwendet wurden. Der gute Deutsche hingegen hamstert nicht!

Durch die Plünderung der eroberten Gebiete im Osten konnte Deutschland im Zweiten Weltkrieg größere Hungersnöte und damit Hamstern tatsächlich verhindern.

Die großen Hungerwinter – und damit die nächste Welle des Hamsterns – hielten deshalb erst nach Kriegsende Einzug. Im Westen konnte die Währungsreform 1948 und alsbald das Wirtschaftswunder der Not ein Ende setzen. Im Osten blieb der Mangel eine Begleiterscheinung der DDR-Planwirtschaft bis zur Wiedervereinigung.

Das gezielte Anlegen von Vorräten wurde hingegen in Ost wie West aus der Schmuddelecke geholt, indem man der klugen Hausfrau Ratschläge für die sinnvolle Vorratshaltung an die Hand gab. Und auch der Staat “hamsterte” für seine Bürger, um Engpässe in der Versorgung mit Öl, Benzin oder auch Lebensmitteln vorzubeugen.

Je leerer die Regale, desto Krise

Zu Beginn der Corona-Krise riet die Bundesregierung noch zur Bevorratung für zehn bis vierzehn Tage. Gemeint war wohl die Überbrückung einer möglichen Quarantäne.

Mit anfänglicher Verwunderung und schließlich Fassungslosigkeit konnte man die leeren Regale bestaunen. Hauptsächlich fehlte Klopapier.  Die größte Angst der Deutschen in der Not: Auf dem Topf sitzen und Papier ist alle?!

Auch wenn vorübergehend vielleicht das eine oder andere Regal im Supermarkt leerblieb, die große Versorgungskrise blieb aus. Und wie schon zur Nach- und Zwischenkriegszeit angemahnt, bedingte eher die plötzlich impulshaft gesteigerte Nachfrage, den Engpass und nicht der tatsächliche Mangel. Aber das Hamstern scheint eben ein genetische verankertes Krisen-Konzept zu sein. Und in modernen Haushalten in vorwiegend urbaner Umgebung passte bisher vielleicht eine Art privates Just-in-time-Management besser zum Lifestyle. Schnell noch nach dem Büro beim Supermarkt vorbei und das Nötigste für den unmittelbaren Verzehr besorgen, oder gleich auswärts essen. Da schadet vielleicht zumindest eine minimale Hamster-Grundausstattung in den heimischen vier Wänden wirklich nicht.

Und so führt uns dann vielleicht der Anblick leerer Regale die ansonsten wenig greifbare Krise am deutlichsten vor Augen. Und der genetisch in uns angelegte Reflex darauf ist: Horten! Hamstern! Nun, aus der ersten Welle wissen wir ja jetzt: Nach Klopapier waren Nudeln dran, dann Hefe, Toastbrot und auch Tierfutter. Also lieber schnell noch mal zum Discounter, Klopapier kaufen. Nur für alle Fälle…

 





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