Heilig oder berechnend? Pflegende Angehörige erzählen…

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Heilig oder berechnend?

Welcher Stempel ist dir lieber als pflegender Angehöriger? Denn meiner Erfahrung nach nimmt die Umwelt das genau so wahr…entweder als aufopferungsvolle, fast heilige und entsagende Person, die zu gut für diese Welt ist. Oder eben als berechnend. Da wird nur die Hand für das wahnsinnig „hohe“ Pflegegeld aufgehalten und der arme Pflegling wird schlecht behandelt.

Genau das schlägt mir eigentlich immer entgegen, wenn ich erzähle, dass ich meine Mutter pflege. Zuvor habe ich mich auch noch um meinen Vater gekümmert. Dieser ist mittlerweile leider verstorben.

Ich entspreche eigentlich nicht dem typischen Bild, welches die Gesellschaft von einer pflegenden Angehörigen hat. Ich bin weder besonders fürsorglich, noch werde ich als ausgesprochen liebevoll wahrgenommen. Von der Optik her, (ich achte auf meine Erscheinung), denkt so ziemlich jeder, dass ich ein eitler und ich-bezogener Mensch sein muss.

Mir selbst war die Meinung der Menschen eigentlich immer egal. Ich habe früh festgestellt, dass ich nicht alle Menschen zufriedenstellen kann. Der einzige Mensch, der zufrieden mit mir sein muss, bin ich.

Aber genau das ist aktuell der Punkt. Ich bin nicht mehr zufrieden mit mir. Auch ich habe diese Saat der vorgefertigten Meinungen in mir. Ich versuche plötzlich selbst, dem Bild der Heiligen zu entsprechen, befürchte aber immer wieder, dass ich doch eher in die berechnende Schiene abgleite.

Warum ist das so? Ich sehe meine Leistungen teilweise gar nicht, ich nehme gar nicht mehr wahr, wie sehr ich meine Interessen und mein Leben vernachlässige. Ich sehe nur, dass ich oft reizbar bin, schlechte Laune habe und die zum dreißigsten Mal an diesem Tag gleiche Frage nicht mehr ruhig beantworten kann. Ich musste tatsächlich feststellen, dass ich die Maßstäbe, die andere Leute an pflegende Angehörige anlegen, auch auf mich selbst anwende. Ja, bin ich denn noch zu retten? Wer, wenn nicht die PAs, wissen denn, wie es wirklich an vorderster Front aussieht?

Schaue ich aber in Foren, bei denen sich pflegende Angehörige austauschen, liest man fast nie, dass sich jemand unzulänglich fühlt. Oder das er/sie den Wunsch hat, den Pflegling mal zu schütteln, einfach, weil einem alles über den Kopf wächst. Dass es manchmal einfach nichts nützt, wenn man sich sagt, dass gewisse Verhaltensweisen krankheitsbedingt sind. Manchmal nimmt man Dinge einfach persönlich, die gar nicht persönlich gemeint sind.

Dauermüde und verzweifelt

Ich habe, seit ich pflege, viele neue Seiten an mir entdeckt. Und ich mag nicht alle davon. Ich bin ruhiger geworden, geduldiger, wertschätzender. Aber ich bin auch ungerecht, mürrisch, dauermüde und verzweifelt.

Niemand kommt und drückt einem pflegenden Angehörigen eine Gebrauchsanweisung in die Hand. Niemand erklärt, was man eigentlich machen soll. Kaum jemand hilft, wenn man durch den Paragrafendschungel nicht durchsteigt. Man ist von jetzt auf gleich einfach im kalten Wasser gelandet. Schwimm oder stirb! Was uns über Wasser hält, ist oftmals gar nicht die Schwimmkunst, sondern eher das Pflichtgefühl, die Liebe, die Verantwortung. Wir würden gerne einfach absaufen, aber wir würden ja nicht alleine untergehen, sondern der Pflegling geht mit unter.

Habe ich mich wirklich entschieden, pflegen zu wollen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass meine Omas beide in einem Pflegeheim waren. Diese Erfahrungen, die ich als sensibles Kind dort aufgesaugt habe, haben mich in Gedanken schwören lassen, dass meine Eltern so eine Einrichtung niemals von innen sehen sollen. Jedenfalls nicht als Bewohner. Dieser stille Schwur eines kleinen Kindes lebt bis heute in mir. Dieser Schwur ist mein Motor.

Wenn man mir ein hervorragendes Heim für meine demente  und depressive Mutter anbieten würde, ein Heim mit wirklich fürsorglicher Betreuung, würde ich dann ablehnen? Ich denke, nicht. Aber leider sind solche Heime ein Wunschtraum. Personalmangel und das Bedürfnis, aus diesen Einrichtungen Geldfabriken zu machen, stehen dem im Wege. So lange Krankenhäuser und Pflegeheime gewinnorientiert arbeiten, so lange werde ich wohl pflegen.

Dabei wäre mir und auch meiner Mutter sicherlich viel geholfen, wenn nicht alles, was ich machen muss, eine Pflicht wäre. Wie viel schöner wäre es, wenn ich Mutter gut aufgehoben wüsste. Ich käme nur zu Besuch, gut gelaunt, ausgeruht und bereit, zuzuhören.

Denn leider vergisst die Gesellschaft nur zu oft, dass wir pflegenden Angehörigen rund im die Uhr, das ganze Jahr über, ohne Pause da sein müssen. Wir müssen nicht nur pflegen, wir müssen kochen, waschen, putzen. All das, was andere neben ihrem Beruf machen. Wir haben teilweise noch einen Beruf, pflegen UND machen den ganzen Haushalt. Oder aber die Pflege ist schon zeitintensiver als ein Beruf und trotzdem bleibt vom Einkauf bis zur Haushaltsputz noch alles an uns kleben. Schlafen? Wird überbewertet? Freizeit und Entspannung? Kennen wir nicht mehr. Urlaub? Schon vor Corona nur ein Traum.

 

Mir ist jetzt übrigens egal, wie man mich sieht. Zudem arbeite ich gerade daran, dass es mir auch egal ist, wie ich mich sehe. Ich will den Zerrspiegel abhängen. Ich habe jetzt Recht dazu, unperfekt zu sein. Denn der Staat hat mich ungefragt und ohne nennenswerte Unterstützung zur Pflegekraft gemacht. Warum soll ich mich dann an alten Rollenbildern messen lassen?

 

Passt gut auf euch auf.

 

Ina Meier

 

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Linktipps:

Verein für Pflegende Angehörige e.V.

Fb-Gruppe Pflegende Angehörige

 

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3 Kommentare

  1. Ich freue mich, dass ihr euch dieses Themas annehmt. Das wird in unserer Gesellschaft so richtig totgeschwiegen. Scheint ja selbstverständlich zu sein, dass man seine Angehörigen pflegt. Zumindest tun die Pflegekassen und die Regierung so. Wie das im Alltag genau aussieht, will kaum jemand wissen. Aber es ist ein Thema, das uns alle angeht!! Jeder kann von jetzt auf gleich Pflegefall werden oder urplötzlich selber pflegen. Aus eigener Erfahrung, weiß ich, dass das von heute auf morgen so kommen kann. Weiter so mit dieser Reihe!

  2. Hallo,
    ja, es wird Zeit, dass man den Pflegenden Angehörigen einmal zuhört. Zum Demonstrieren fehlen uns nämlich Zeit und Kraft. Wenn man 24/7 h/Tage pflegt, und den ganzen Schriftkram für seinen Pflegling erledigt, kann man kaum was für seine Rechte tun. Es ist eine traurige Situation.

    Viele Grüße,
    Ingrid

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