Lästerschwestern

strassencafe
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Sie treffen sich täglich um Viertel nach drei …” Die Musik ist nicht so aufdringlich und kommt aus den Lautsprechern, die gut getarnt in der Dekoration und kaum zu sehen sind.Und eigentlich treffen sie sich auch nicht täglich, nur manchmal, eher selten. Gut, sie haben sich noch nie getroffen, aber vielleicht wäre es dann so gekommen. Es ist Spätsommer, oder auch Frühherbst. Auf jeden Fall ist es schon Oktober und die Blätter werden bunt. Im einfallenden Licht sieht alles noch strahlender aus. Die Sonne gibt sich nochmal so richtig Mühe. Die Temperaturen zwingen die drei ihre Jacken abzulegen und locker über die Stuhllehnen zu hängen. Nach der Kühle in der letzten Woche meint es das Wetter so gut, dass das Café nochmals die Tische und Stühle vor die Tür gestellt hat. Ein Blick in die Runde zeigt, dass es eine gute Idee war. Die Tische sind alle besetzt, die Stühle in die Sonne gedreht und die Bedienung läuft sich die Beine kurz.

Hilde ordnet sich mit einer Bewegung, die den Frauen wohl schon seit Jahrhunderten eigen ist, ihre kurzen Haare und setzt sich die modische Sonnenbrille zurecht. Der Kaffee in ihrer Tasse ist bestimmt schon längst kalt, ist aber auch nur noch ein kleiner Schluck übrig. Dagegen dürfte der italienische Merlot die richtige Temperatur haben, um sein kräftiges Bouquet auszufahren. Ihr Blick schweift über die flanierenden Menschen, hinüber zu Wanda.

Wie kann man Tee nur immer so zelebrieren? Am liebsten würde sie einen Thermometer in die kleine Porzellankanne hängen, um den Vorgang genau zu überwachen und möglichst die Ziehzeit mit der Stoppuhr messen. Wanda zuppelt an ihrer weissen Bluse und wischt sich ein paar imaginäre Krümel von der Hose. Helmut streckt unter dem Tisch seine Beine. Er hat es sich, soweit es auf diesen Stühlen geht, bequem gemacht und geniesst zurückgelehnt die Sonne. Das Gespräch dreht sich um Gott und die Welt, das Wetter, die Leute. Ok, vor allem um die Leute.

„Guck dir die Stelzen an. Ich dachte Magermodels sind verboten?” „Manche haben es aber auch eilig.“ „Die Schuhe, schaut euch die Schuhe an!“ „Oh je, wenn meine Mutti mir solche Sachen zum Anziehen hingelegt hätte, wäre ich schreiend ins Bett gerannt!“ „Rechts … , wer sowas trägt, muss seeeehr viel Selbstbewusstsein haben”, zugegeben, von rechts nähert sich eine Farbkombination, die zu Ottos Spruch passt: „Schreiende Farben sind out, brüllende Farben sind in”. Aber nun ja, der Sommer ist noch in aller Erinnerung und Bunt gehört einfach dazu.

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“Wie der Herr, so das G’scherr“, die Blicke, die eben noch den Neonfarben nachgewandert sind, wenden sich wieder, langsam und unauffällig, nach rechts. Nun ja, es gibt ja auch immer wieder Studien, die diese These belegen. Ganze Fotostrecken wurden dazu gestaltet. Von der Figur her ist es diesmal nicht so überzeugend, aber Frauchen und Hundchen haben ganz offensichtlich den gleichen Coiffeur. „Hoffentlich müssen sie sich nicht das Futter teilen.” Autsch, das war gemein.>Die Kellnerin kommt und erkundigt sich, ob alles gut sei. “Ja, danke, sehr gut. Schön, dass Sie hier draussen noch einmal aufgetischt haben.” „Ja, dieser Sommer hatte es schon in sich, aber jetzt geht es noch weiter“. Sie wendet sich den nächsten Gästen zu.

„Und jetzt wird es noch wärmer.“ „Nächste Woche, soll es noch wärmer werden?“ „Nein, links, die Hosen in bordeaux“. Er ist sehr modebewusst, trägt sehr enge Jeans in bordeaux, hellbraune Lederschuhe. Beim Gehen blitzen die nackten Knöchel auf. Ein figurbetontes T-Shirt in einer Farbe zwischen Limette und Petrol, dazu einer dieser locker geschwungenen Schals, ein bisschen heller als die Hose. Fast auf ihrer Höhe trifft er sich mit dem anderen, dann doch eher durchschnittlichen Typen. Etwas zu kurze Röhrenhosen, Sneakers, weisses T-Shirt, Weste, kurze Haare, sorgfältig gestutzter Vollbart. „Ich habe einem Hipster ans Schienbein getreten. Jetzt hopst er.“ Männerbegrüssung, Küsschen links, Küsschen rechts und dann die Strasse entlang. Noch in Sichtweite geht es ab in einen Schuhladen.

„Da, das ist bestimmt ein Junggesellenabschied.“ Es ist zu vermuten. Eine junge Frau, im weissen Kleid/Nachthemd, mit Engelsflügeln am Rücken. In den Händen hält sie ein riesiges, rosarotes Sparschwein. Sie ist umringt von 8-12, schon leicht angetüdelten, Grazien mit goldigen Lockenköpfen und pinken Shirts, mit dem gelben Statement ´Ich bin nicht die Braut, ich bin nur zum saufen hier´. Unter andauerndem Gelächter versuchen sie, bei allen Passanten, Küsse für die Braut zu verkaufen.>Es wird bestimmt richtig lustig, wenn sie auf die Gruppe von jungen Männern treffen, die vor drei Viertelstunden bereits hier durchgekommen ist. Fast alle trugen den Schriftzug ´Single‘ auf dem nackten Oberkörper. Nur bei einem war es durchgestrichen …

Die drei am Tisch werfen sich Blicke zu und lächeln. Sie kennen sich schon so lange, dass jeder weiss, was der andere jetzt denkt.weight: 400;”Ihre Aufmerksamkeit wird durch ein Pärchen in Anspruch genommen, das die Strasse entlangflaniert. Die Beiden haben bestimmt schon viel gesehen. Zusammen zählen sie bestimmt schon über 150 Lenze. Das weisse Haar sitzt gut frisiert und passt zu der modischen hellen Kleidung. Sie bewegen sich nicht allzu schnell und geniessen sichtlich den Tag. Gegenüber im Café sind noch einige Tische frei. Es ist dort ein wenig schattiger. Dort suchen sie sich einen Platz. Er zieht einen Stuhl zurück und während sie sich setzt, schiebt er ihn vorsichtig wieder vor. Dann sitzen sie, bestellen sich etwas und seine Hand findet ihre. Sie sprechen wenig, aber beide lächeln glücklich. „So möchte ich auch alt werden.“ „Mit mir?“ „Ja gern“.

„Der Bauer weiss auch nicht recht, was er hier soll.“ Die Familie macht einen Ausflug. Drei Kinder, wie die Orgelpfeifen. Der Vati hat ein Eis spendiert und die Mutti achtet sorgsam darauf, dass das Eis in die Münder kommt und nicht auf der Kleidung landet. Die Eltern sind von harter Arbeit gezeichnet und wettergegerbt. Man sieht ihnen an, dass sie mit der ungewohnten Freizeit nicht viel anfangen können. Besonders bei ihm sieht man, dass seine Gedanken ganz woanders sind. Es gäbe wahrscheinlich viel Wichtigeres, als in die Stadt zu fahren, um mal gemeinsam Nichts zu tun.

Der Mann im Rollstuhl kommt bestimmt schon das dritte oder vierte Mal hier vorbei. Inzwischen sind schon mehrere Taschen an den Griffen des Gefährtes befestigt. Er bemerkt kaum, dass er an der schiefen Gehwegplatte angestossen ist. Wanda steht schnell auf und springt hinüber zu ihm. „Hallo, das haben sie eben verloren“. Sie reicht ihm das Portemonnaie. Es war gerade an der Seite heruntergefallen. „Dankeschön!“ „Gern geschehen.“Ja, es wird tatsächlich Zeit. Bier und Rotwein sind geleert, auch der Tee ist längst alle. „Darf es noch was sein?“ „Nur die Rechnung bitte.“ Die Kellnerin nimmt schon mal Geschirr mit.Sie zahlen und machen sich zum Gehen fertig. „Na dann, bis zum nächsten Mal.“ „Meldet ihr euch?“„Ja.“Wanda und Helmut gehen, Hand in Hand, in die eine Richtung, Hilde, allein, in die andere.Sie sehen sich bestimmt. Das Wetter verspricht noch einige schöne Tage …

Amadeus

André Stark, Jhrg. 1964, Randberliner, seit 2011 in der Schweiz

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