Ghosting – Schlussmachen ohne Worte

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Wenn der andere wie ein Geist aus dem eigenen Leben verschwindet – das nennt man heute „Ghosting“. Das Phänomen gab es natürlich früher auch schon. Wem Schlussmachen oder erklärter Kontaktabbruch zu anstrengend war, der verabschiedete sich sang- und klanglos. Jetzt gibt es endlich diesen Begriff dafür, der das Verhalten hunderprozentig trifft und auch das schockierte Gefühl des Verlassenen gut umschreibt. Ghosting nimmt durch die digitale Vernetzung sehr zu.

Es erleben immer mehr Menschen, in Partnerschaft, Beruf und im sozialen Leben: Man lernt jemand kennen, tauscht sich aus und plötzlich verschwindet die andere Person wie ein Geist aus dem eigenen Leben. Nicht mehr erreichbar. Wie tot. Sie antwortet nicht mehr auf Anrufe, Mails, SMS, Whatsapp-Nachrichten. Wer die Anfangsangst, dass vielleicht etwas Schlimmes passiert sein könnte, überwunden hat, fühlt sich bald wie von allen guten Geistern verlassen.

Ghosting ist für die betroffenen Personen höchst unangenehm, verletzend, verunsichert und irritierend. Für den Geist dagegen höchst angenehm und bequem, vielleicht sogar befriedigend.  Er muss keine stressreichen Gespräche führen, muss sich nicht erklären, muss keine eigenen Fehler eingestehen. Man zieht sich einfach aus der Affaire, genauso wie die Redensart entstanden ist.

 

Definition Ghosting, Quelle: Wikipedia:

Unter dem Begriff Ghosting (engl. „Geisterbild“, „Vergeisterung“) versteht man in einer Partnerschaft einen vollständigen Kontakt- und Kommunikationsabbruch ohne Ankündigung. Obwohl vorher Dates stattgefunden haben oder eine Beziehung bestand, laufen plötzlich jegliche Kontaktversuche ins Leere. Auch in einer Freundschaft kann dies vorkommen.

War ein unangekündigter Kontaktabbruch auch vor dem Internetzeitalter bekannt, so hat er sich mit der gestiegenen Verbreitung von SMS, Chat-Diensten und digitalen Kennenlernplattformen zu einem ausgeprägten Phänomen entwickelt. So berichteten 2014 in einer US-Onlineumfrage 13 % der Befragten über entsprechende Erfahrungen. Das häufigste Auftreten war in der Alterskohorte der 18- bis 29-Jährigen zu beobachten.

Ghosting ist leider im Trend

Es gibt den Begriff inzwischen leider nur deshalb, weil sich dieses Verhalten immer mehr häuft. Es ist im digitalen Zeitalter so unglaublich einfach, sich virtuell oder real aus dem Staub zu machen und die andere Person ratlos zurückzulassen.
Wir haben eben keine Zeit für Verbindlichkeiten, alles muss beliebig sein und bleiben. Das gilt fürs Private genauso wie fürs Berufliche. Speedating gibt es ja inzwischen auch für beide Bereiche. Heute möchte man für alle Belange des Lebens möglichst viele und verschiedene Kandidaten kennenlernen, prüfen, testen, kosten, aber dann auch gerne wieder fallenlassen. Ohne Verpflichtung, ohne Reue und ohne Schamgefühl. Zugegeben, es gibt Fälle im Leben, da ist es angebracht, einfach wortlos zu gehen und den Kontakt abzubrechen. Nämlich dann, wenn man belästigt wird oder gestalkt. Genau dann ist es richtig und berechtigt. Und da ist auch der Haken. Das Opfer von Ghosting fühlt sich nämlich genauso: Wie jemand der belästigt oder gestalkt hat und versteht die Welt nicht mehr. Auf Erklärungen kann man nicht hoffen, denn der Ghost ist verschwunden.

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Ghosting im Job

Ghosting im Job ist weit verbreitet und wer bislang privat vom Ghosting verschont geblieben ist, der wird es relativ sicher mal im Job erleben. Ghosting im Job bedeutet, dass man mit einem Geschäftspartner, Kunden oder Kollegen schon in Kontakt stand, gemeinsame Projekte ausgehandelt oder geplant wurden und plötzlich ist der Partner wie vom Erdboden verschluckt. Auf Nachfragen wird sich totgestellt. Es wird nicht erklärt, was los ist, ob das Projekt beendet ist oder ob man private oder finanzielle Schwierigkeiten hat. Nein, es ist einfach bequemer und „ehrwürdiger“ gar nichts zu sagen.

Nichts sagen heißt nämlich auch, die Schuld fällt nicht auf den Ghost. Wie heißt es doch vor Gericht: „Jedes Wort kann gegen Sie verwendet werden.“ Also sagt man lieber gar nichts. Besonders dann, wenn man weiß, dass man selbst die Schuld trägt. Auch bei privaten oder finanziellen Problemen ziehen es heute viele Leute im Berufsleben vor, einfach gar nichts zu sagen und zu erklären, sondern sich in Luft aufzulösen.

Für das Opfer des Ghosting heißt das auch im Berufsleben: Zeit- und Energieverlust. Man muss sich Gedanken machen, man muss immer wieder nachhaken und man kann eine Weile nicht planen. Man weiß ja nicht, ob das Projekt nicht doch noch zustande kommt oder was nun los war.

Empfindliche, unsichere Personen oder Newbies im Business werden von solch einem Verhalten zudem verunsichert. Sie wissen nicht: Haben sie irgendetwas falsch gemacht? War der Preis zu hoch, zu niedrig? War die Korrespondenz zu unpassend etc. Ghosting ist einfach extrem unhöflich, respektlos und unseriös.

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Ghosting im sozialen Leben

Es müssen nicht mal vielversprechende Dates sein, die ein Opfer von Ghosting ratlos zurücklassen. Ghosting kommt heute auch oft im Anbandeln sozialer Kontakte vor. Etwa, wenn man sich im Studium während eines Seminars kennengelernt hat, bei Fortbildungen oder Kursen oder im normalen Leben. Man hat sich öfter getroffen, miteinander geredet und ein paar Mal vielleicht verabredet. Aber plötzlich hat eine Seite kein Interesse mehr. Statt die unangenehme Situation irgendwie zu beenden, stellt man sich lieber tot. Man hat heute sogar das Gefühl, dies ist erlaubt und en vogue. Eben weil man so viele Leute virtuell kennenlernen kann und jeder gut sozial vernetzt ist.

Ghosting ist natürlich eine bequeme Lösung für unangenehme „Freunde“. Jeder kennt sie. Leute, mit denen man in losem Kontakt steht. Leute, die eigentlich in erster Linie nerven. Die unangemeldet vor der Tür stehen, die keine netten Absagen bzw. eindeutige Ausreden zum Treffen verstehen und es nicht aufgeben wie hartnäckige Verehrer. Oft sind es auch wirklich Leute, die auf dem ersten Blick nett erschienen, sich dann aber als anstrengend erweisen. Oder es sind Personen, die kurz gesagt das eigene Leben so gar nicht bereichern, sondern eher Energievampire sind. Sich von ihnen sang- und klanglos ohne Worte zu verabschieden ist verführerisch und angenehm oder etwa nicht?

Bei normal höflich veranlagten Menschen löst ein solches Verhalten schlechtes Gewissen aus. Man mag die Person zwar nicht, aber man hat Respekt vor dem anderen Leben, den ganz persönlichen Schwierigkeiten und dem anderen Schicksal. Also betreibt man als sozial fühlender Mensch in so einem Fall kein Ghosting, sondern sagt brav alle Verabredungen immer wieder ab – bis es die andere Person irgendwann mal kapiert hat.

Für den Ghoster aber ist das viel zu aufwendig. Er sortiert seine Bekanntschaften nach Nutzen und so ist es selbstverständlich, dass er viele Leute kennenlernt und wieder abserviert. Das passt in unsere schnelllebige oberflächliche Zeit. Dabei ist es im Leben oft so, dass wahre Freundschaften über einen längeren Zeitraum entstehen und oft zwischen Leuten, die eigentlich gar nicht so gut zusammenpassen.

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Ghosting in Beziehungen

Am verletzendsten und im negativen Sinne nachhaltigsten ist Ghosting in Beziehungen. Immer dann, wenn sich zwei Menschen einander angenähert haben und erste oder sogar noch tiefere Gefühle entstanden sind, trifft Ghosting das Opfer wie ein Schlag. Daher zeigen diese Personen auch Symptome wie nach einem Trauerfall. Der Partner ist aus dem Leben verschwunden, wie wenn er plötzlich gestorben wäre und der Übriggebliebene muss diesen Schock verkraften. Zum Schock kommen aber noch Rätsel, Unsicherheiten, Selbstzweifel, Vorwürfe und natürlich klar – das gebrochene Herz dazu.

Je größer die Gefühle waren, umso prägender ist dieses negative Erlebnis. Oder auch bei jungen Menschen, die ihre erste Liebe erleben. Die Wunde und der Schmerz bleiben oft ein Leben lang. Und so dramatisch sich das jetzt liest und sich anfühlt, so häufig kommt es ja seit Jahrzehnten vor.

Schon immer war es für den einen Partner bequemer Schluss zu machen ohne Worte. Man will den anderen ja nicht verletzen. Man will keine Szene, keine Tränen sehen und keine Vorwürfe hören. Frauen haben natürlich oft zudem Angst, der Partner akzeptiert die Trennung nicht, will sie vielleicht festhalten oder rastet gewalttätig aus. In solchen Fällen aber sollte man auch kein ghosting betreiben, sondern mit dem Partner aus der Entfernung Schluss machen oder per Brief. Apropos Brief….

Schriftlich Schluss machen…. warum eigentlich nicht?

Es ist durchaus verständlich, dass sich einer von beiden wünscht, keine Tränen zu sehen und keine unangenehmen Szenen zu erleben. Wenn die Gefühle einfach so ohne Grund erloschen sind, will man vielleicht auch nichts mehr dazu sagen. Aber auch dann kann man immer noch schriftlich mitteilen, was los ist. Es ist allemal besser, als den Geist zu spielen. Schriftlich Schluss zu machen, gilt oft noch als verpönt. Aber es gibt doch beiden Personen die Möglichkeit mit Abstand, Distanz und Würde die Beziehung zu beenden, wenn abzusehen ist, dass ein persönliches Gespräch eskalieren oder zum Gefühlsausbruch führen würde.
Schriftlich kann jeder seine Sicht der Dinge und seine Gründe noch mal festhalten. Auch kann der Ex-Partner noch einmal darauf eingehen. Man muss noch nicht mal ehrlich sein. Hat man das Gefühl, die Gründe könnten das Gegenüber zu sehr verletzen, dann lässt sich immer noch schreiben: Wir passen nicht zusammen. Jeder vielleicht auch nur höfliche, schriftliche Grund ist besser als ghosting.

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Was macht Ghosting mit dem Opfer?

Ghosting kann einen in jedem Alter treffen. Geschützt und gefeit ist davor niemand. Es hat besonders dann langandauernde negative Folgen, wenn es keinen echten Konflikt mit dem Partner gab und man ratlos zurückbleibt. In jedem Alter ist es schmerzhaft, verstörend und verunsichernd. Es ist eine absolut respektlose Art mit seinen Mitmenschen umzugehen. Denn niemand kann mit Ghosting wirklich gut umgehen. Aus dem einfachen Grund, dass keine Gründe genannt werden.

Mit Kritik und Beschuldigungen weiß jeder umzugehen. Entweder man nimmt sie an, oder nicht. In jedem Fall kann man über sie nachdenken. Wird aber nichts genannt, bleiben nur Rätselraten und Selbstzweifel übrig. Äußerst bequem übrigens für den Ghost. Der ist fein raus und schüttelt den Expartner nur wie eine lästige Fliege ab. Macht sich selbst aber vor, er würde aus Rücksicht so handeln.

Egal, wen das Ghosting trifft, es kommt immer zu den gleichen negativen Gefühlen: Schock, Irritation, Verunsicherung, Selbstzweifel, Selbstvorwürfe. Sind noch große Gefühle im Spiel, kommen dazu: Endloses Grübeln, oft über Jahre hinweg und Minderwertigkeitskomplexe, Abschottung und Misstrauen. Egal wie man es drehen und wenden will: Das Opfer hat die Schuldgefühle, die der Ghost nicht hat. Da nie Gründe für die Trennung ausgesprochen werden und es keinen Punkt zum Ansetzen gibt, kann der Ghost sich absetzen und das Opfer bleibt grübelnd, rätselnd und verletzt zurück. Klingt dramatisch und schwach, nicht wahr? Das Problem ist: Es trifft eben auch und gerade toughe Erwachsene, die ihr Leben im Griff haben, schwer, weil es in den emotionalen Bereich geht.

Daher ist es häufig sogar angebracht, sich als Opfer von Ghosting Beratung und psychologische Hilfe zu holen und vor allem den Spieß umzudrehen und die Schuld am Scheitern der Beziehung nicht bei sich selbst zu suchen.

Weiterführende Links:

Ghosting überwinden (Heilpraktikerin für Psychotherapie, Paartherapeutin, Dozentin & Autorin Ulrike Fuchs)

Ghosting- Pros und Kontras

 

 

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