Liebe Influencer: Wo bleiben die Botschaften?

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Die moderne Welt der Influencer scheint nur aus einer Botschaft zu bestehen: Sei eitel, konsumiere und stelle dich selbst dar! Übertrieben? Dann diskutieren Sie mit!

Wer sich als Mid-Ager mit dem Hype um Instagram auseinandersetzt, sich einen Account anlegt und umschaut, was dort so passiert, bekommt nach einer Weile das große Gähnen. Die erfolgreichsten Accounts sind die, bei denen es um zwei Dinge geht: Gutes Aussehen und Fitness. Weitere erfolgreiche Themen sind zudem Ernährung und natürlich Reisen, Deko, Natur, Landschaften. Doch richtig Geld wird mit den oberflächlichen Accounts gemacht: Junge, mehr oder weniger attraktive Damen preisen Kleidung und oder Beauty-Produkte an und kassieren dafür, je nach Reichweite, schöne Werbeeinnahmen. Dabei wird natürlich getrickst und geflunkert, was das Zeug hält. Zum einen sieht nicht jeder Instagram-Star in Natura aus wie ein Model, sondern es werden entsprechende Filter genutzt und mit Photoshop kleine und große Makel retuschiert.

Einige haben das Mogeln sogar so gut drauf, dass die Kleidergröße sich um zwei Nummern minimieren kann. Gutes Aussehen ist bares Kapital auf Instagram. Leider! Und dieses Erfolgskonzept macht unsere schöne neue Digitalwelt um ein Vielfaches oberflächlicher.
Tausende von Follower sammelt oft nur, wer superschöne, mega cleane Bilder von sich oder schönen Dingen postet. Der Followerzahl kann man aber natürlich auch indirekt nachhelfen: Indem man recht günstig Follower dazukauft.

Wer die junge Zielgruppe von Usern zwischen 15 und 30 Jahren erwischt, sammelt die meisten Follower. Und anscheinend wollen die Fans und Influencer heute nur noch eines: Sich um ihr Aussehen kümmern… Diesen Eindruck bekommt man, wenn man in die schöne neue Fake-Welt eintaucht. Überall junge Damen, die sich präsentieren wie Models – Kleider, Schmuck, Beauty-Produkte und Taschen präsentieren, hier und da mit einem Sinnspruch garniert. Oft dient der Spruch nur zur Ablenkung, damit der User denkt, es ginge nicht nur um die Eitelkeit. Wer es nicht anders kennt und so aufwächst, wird sich nicht groß wundern. Wer aber in anderen Zeiten jung war, der kommt ins Grübeln.

Wo bleiben die Botschaften?

Vor der digitalen Welt war natürlich nicht jeder Normalo ein kleiner Star und die meisten hübschen Mädchen mussten sich mit ein paar schönen Fotos von sich begnügen. Heute shooten die jungen Schönheiten sich einfach elbst und das nonstop. Mehrere Selfies pro Tag sind keine Seltenheit. Wobei es keine Rolle zu spielen scheint, dass die Motive, die Mimik und die Posen sich ähneln (Stichwort Entenschnute). Man bekommt heutzutage anscheinend nicht genug von seinem eigenen Antlitz und Körper und auch wenn man eine Pose, einen Blick, schon hundertfach gepostet hat… einer geht noch. Warum reicht es nicht, ein einziges schönes Foto von sich pro Woche zu posten? Der Selfie-Wahn ist Sucht geworden. Inhalte sucht man bei vielen Influencern leider vergeblich. Es reicht heute vollkommen aus, sich um sein Aussehen zu kümmern, es zu kultivieren, sich mit vielerlei Konsumartikel rund um das Aussehen einzudecken und diese zu präsentieren.

Früher kam diese Aufgabe den Models zu. Doch ihr Alltag war weniger grotesk als der der Influencer. Das Leben eines Models ist nicht so eitel und selbstdarstellend, denn ein Model wird für Kampagnen gebucht, schlüpft in verschiedene Rollen und verkörpert eine Botschaft, ein Markenimage. Wo bleibt die Botschaft der massenweise Influencer, die sich selbst zur Liftasssäule ernennen?

Nena und co. – lebe lieber unkonventionell

Gutes Aussehen war schon immer gefragt, doch reichte das früher nicht. In den 80er und 90er Jahren gab es attraktive Rockstars und Sängerinnen wie Nena, Kim Wilde, Madonna, Britney Spears, Christina Aiguilera und co. Sahen sie einfach nur gut aus? Nein, jede hatte eine andere Persönlichkeit, drückte ihre innere Einstellung aus und die war eher unkonventionell, frech, emanzipiert. Man wollte nicht den meisten Männern gefallen, sondern denen, die ähnlich dachten, wie man selbst. Man wollte zeigen, dass man mehr auf dem Kasten hat, als gutes Aussehen. Dazu gehörte, dass das Styling nicht nur hübsch und clean war, sondern gerne provokant, eher auch mal grell und bunt, statt schmeichlerisch und auch gar nicht so feminin. Junge Frauen wollten nicht einfach nur hübsch aussehen, ohne Botschaft. Star wurde man auch deshalb, weil man die Gesellschaft mit seinem Auftreten aufrütteln wollte.

Auch die Models der großen Ära in den 90ern hatten Persönlichkeit, eigene Charaktere, gerne auch schwierige wie Naomi Campbell. Das scheint bei den heutigen massenweise Influencern aber ebenso nicht so gefragt zu sein. Zwar hat die eine oder andere junge Dame, die Beauty-Produkte auf youtube anbietet, ein loses Mundwerk und lustige Ideen wie Shirin David, doch die Masse der Influencer gleicht sich in Mimik, Wortwahl und Attitude… Sie kopieren sich oft gegenseitig, aus Mangel an Ideen.

Folgt man einigen erfolgreichen Accounts auf Instagram, so kann man in den jeweiligen Stories unzählige Male den selben Gruß empfangen “Guten Morgen, meine Lieben”. Ebenso beliebt ist es, sich nach dem Aufstehen und kurz vor dem Einschlafen noch mal eben zu filmen und zu seinen Followern zu sprechen. Das mag anfangs ganz interessant sein für die Fans, ihrem Star so nahe zu sein. Auf Dauer sind die immer gleichen verschlafenen Gesichter und das müde vor sich Hingemurmel in die Kamera doch furchtbar banal und todlangweilig.

Folgt man 10 Influencern, hat man jeden Tag in etwa die selben Inhalte nonstop, nur mit anderen Gesichtern und Körpern. Wir leben in eine sehr komischen Zeit.

Älter werden als Influencer

Spannend wird es auch werden, wenn die heutigen Influencer älter werden. Sind sie mit 30, 40 oder 50 Jahren immer noch im Geschäft? Die wichtige Zielgruppe für Klamotten und Beauty-Produkte sind die unter 30-jährigen. Kann man immer so weiter machen, wenn das Gesicht erste Falten wirft, der Körper weniger knackig ist und man einfach nicht mehr auffällig gut aussieht?

Viele Influencer setzen alles auf eine Karte. Im Augenblick fließt die große Kohle, die will mitgenommen werden. Doch das Konzept geht nur auf, wenn man sich und seinen Körper vermarkten, präsentieren kann. Einige älter werdende Damen beginnen daher mit Mama-Blogs und Accounts, die sich mit dem Alltag als Mutter und Konsumartikel rund um die junge Familie beschäftigen. Doch es drängen immer mehr in diesen Markt, so dass er wohl bald abgegrast sein wird.

Allgemein ist es bedenklich, dass so viele junge Menschen auf diesen Zug anspringen, der nicht ewig weiterfahren kann und vor allem total überfüllt ist. Jung und hübsch sein ist kein Kapital für den Rest des Lebens – aber das wichtigste bei all dem: Wo bleiben die Inhalte? Warum wird es nicht langweilig, sich selbst hundertfach in immer den gleichen Posen zu posten und wo bleiben die Bilder, wo man Spaß hat mit Freunden, wo bleibt das Interesse am Gegenüber?

J.Florence Pompe 

 

 

J. Florence Pompe ist freiberufliche Texterin seit 2010. Nach dem Studium der Germanistik und Pädagogik arbeitete sie einige Jahre in einem kleinen Lehrmittelverlag.
Als Texterin führt sie mehrere eigene WordPress-Blogs und arbeitet für Kunden redaktionell.
Am liebsten schreibt sie über Mode, Schmuck, Interieur, Design und Kunst. Alles, was mit Farben und Formen zu tun hat, fasziniert sie. Zum Thema Mode hat sie eine besondere Affinität, da sie in ihrer Jugend viel genäht hat und sich mit Stoffen und Schnitten gut auskennt.

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