LBM abgesagt – Ein Blick hinter die Kulissen

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Zwei Wochen vor dem Termin wurde die Leipziger Buchmesse, die im Kalender aller Buchaffinen gleich nach der Frankfurter rangiert, abgesagt. Grund: Das neuartige Coronavirus und dessen Eindämmung in Deutschland – so weit, so bekannt. Dasselbe Schicksal ereilte zuvor schon die ITB, den Genfer Autosalon und diverse größere und kleinere Veranstaltungen in verschiedenen deutschen Städten. Nun mag man über die Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen diskutieren, oder auch nicht – dass eine pandemische Ausbreitung des Virus wenn irgendwie möglich vermieden werden muss, leuchtet ja ein. Trotzdem ist diese Absage ein schwerer Schlag für viele Buchschaffenden.

Publikumsverlage und ausländische Lizenz-Bücher

Was diese Messe gerade für kleine Verlage und Selfpublisher bedeutet hätte, kann man nur nachvollziehen, wenn man ein wenig hinter die Kulissen des Buchmarkts in Deutschland blickt. Dort gibt es zunächst die wohlbekannten großen Publikumsverlage. Das sind die, die in allen großen Buchhandlungen in großen Stapeln auslegen und die Schaufenster beherrschen. Diese Verlage und ihre Autoren dominieren die Spiegel-Bestsellerliste und die Verkaufslisten bei Amazon. Dazu muss man aber auch wissen, dass diese Verlage weniger von deutschen Autoren, am allerwenigsten von neuen, unbekannten deutschen Autoren leben, sondern oftmals im Wesentlichen von Lizenzen aus dem Ausland, zumeist aus Amerika und Großbritannien. Diese Bücher, die sich dort bereits gut verkauft haben, werden für den deutschen Markt übersetzt und haben ein relativ geringes Risiko für die Verleger.

Klein-Verlage mit viel Idealismus

Daneben gibt es eine Vielzahl von mittleren und kleinen und kleinsten Verlagen. Manche von diesen bestehen lediglich aus einer einzelnen Person, die den Traum von guten Büchern nebenberuflich stemmt und alle Zeit, Herzblut und nicht selten Geld aus der privaten Tasche hineinfließen lässt. Diese Verlage konzentrieren sich auf Nischen, die sich abseits des Mainstreams finden lassen, graben tief, um Perlen hervorzuzaubern, die andere übersehen haben, und legen dabei in den allermeisten Fällen dieselben oder sogar höhere Maßstäbe an wie die „Großen“.

Selfpublisher und das unternehmerische Risiko

Wiederum daneben gibt es die Selfpublisher, zu deutsch: Autoren, die ihre Bücher im Eigenverlag verlegen. Die Zeiten, da dies hauptsächlich Leute gemacht haben, deren Geschreibsel einfach zu schlecht war, um von einem Verlag produziert zu werden, sind lange vorbei. Das Internet hat gute Optionen geschaffen, mit denen es auch Einzelautoren gelingen kann, ganz ohne Verlag ihre Bücher unter die Leser zu bringen. Das Ergebnis kann sich sehr oft qualitativ durchaus mit Verlagsbüchern messen, böse Zungen behaupten, sie überträfe sie sogar häufig. Qualität hat aber auch im Selfpublishing ihren Preis, da diese Autoren als One-man- bzw. One-woman-Show alles selbst in die Hand nehmen müssen, vom ersten Rohentwurf, über das Lektorat, das Korrektorat, das Cover-Design, den Buchsatz, den Druck bis hin zu Vermarktung und Vertrieb. Der Selfpublisher ist, wie auch der Kleinverleger, ein Unternehmer im kleinen Stil. Und er trägt, wie er, das finanzielle Risiko für seine Bücher.

Die Krise 2019

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Die Buchbranche hat im vergangenen Jahr einige heftige Verwerfungen erlebt. Das Erdbeben begann mit der KNV-Pleite im Frühjahr 2019. Nur eine Handvoll Großhändler bedienen den kompletten stationären Buchhandel in Deutschland, KNV war einer der größten davon. Der Wettbewerb zwischen Buchhändlern und Online-Anbietern wie Amazon gärte schon seit einigen Jahren. Wie auch in anderen Einzelhandelsbereichen kaufen die Leser ihre Bücher zunehmend online und verzichten auf die Beratung im Geschäft. Nachdem KNV abgewickelt wurde, knabberten einige Kleinverlage bereits sehr an den Rücksendungen unverkaufter Bücher und ausbleibender Zahlungen. Dann kam die nächste Erschütterung: Libri, der größte verbliebene Zwischenhändler, begann Mitte des Jahres scheinbar wahllos damit, Bücher auszulisten. Libri reduzierte seine Palette von 1 Mio. Titel auf 750.000. Betroffen waren wieder hauptsächlich Bücher aus Kleinverlagen.

Auch 2020 keine Entspannung in Sicht

Das Jahr 2019 sah viele, oft langjährig erfolgreiche Kleinverlage eingehen. Verleger mussten die traurige Bilanz ziehen, dass sie mit ihren Büchern nicht mehr wirtschaftlich arbeiten konnten. Andere blieben, obwohl sich ihre Verlage nicht mehr rentierten. Aus Liebe zum Buch, aus Verpflichtung ihren Autoren gegenüber und aus Idealismus. Die Hoffnungen lagen und liegen auf 2020. Was die Absage der LBM für diese Verlage jetzt bedeutet, kann man sich ausrechnen. Stand-Gebühren, Unterkunft und große Vorräte an Büchern wurden bereits bezahlt, ob und wenn ja wieviel davon wieder zurückgezahlt wird, ist derzeit noch offen. Die Umsatzeinbußen bleiben auf jeden Fall.

Ein Hoch auf die Vielfalt!

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Ungewöhnliche Geschichten, Themen aus dem LGBTQ+-Spektrum, politisch und gesellschaftlich brisante Narrative und eigenwillige Charaktere finden sich in den Büchern großer Publikumsverlage höchst selten. Wenn die unabhängigen Kleinverlage ihre Arbeit einstellen müssten, dann würde das auf jeden Fall Verluste in der Vielfalt der deutschen Buch-Landschaft bedeuten. Was können Leserinnen und Leser also tun, um die Kleinverlage und Selfpublisher zu unterstützen?

Auf den sozialen Plattformen organisieren sich gerade virtuelle Alternativen zur LBM, unter dem Hashtag #bücherhamstern werden Neuerscheinungen, die auf der Messe vorgestellt werden hätten sollen, beworben. Wenn möglich, sollte direkt bei den Verlagen über deren Online-Shops oder per Email bestellt werden, damit die Streuverluste durch Zwischenhändler möglichst gering bleiben. Das Stöbern in den Programmen der Nischenverlage lohnt sich und jedes gekaufte Buch (gilt übrigens für Print ebenso wie für e-books) trägt ein kleines bisschen dazu bei, die Ausfälle durch die LBM abzudämpfen und ermöglicht Herzblut-Buchmenschen ihre Arbeit mit dem, was sie am besten können und lieben.

Liste von Kleinverlagen

(Ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Acabus Verlag

Ankerherz Verlag

Amrûn Verlag

Art Skript Phantastik Verlag & Design

Bookspot Verlag

Burgenwelt Verlag

Chaospony Verlag

Drachenmond Verlag

Elvea Verlag

Emons Verlag

Eridanus Verlag

Feder und Schwert

Fehnland Verlag

Gmeiner Verlag

Hybrid Verlag

Leseratten Verlag

p.machinery

Sternensand Verlag

Talawah Verlag

Verlag ohneohren

Verlag Torsten Low

 

 

 

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