JOKER (2019), Kritik – Joaquin Phoenix feiert One-Man-Show mit Sogwirkung

Joker Kritik

Kritik: JOKER (2019)

 

Gotham City, willkommen in den ewigen menschlichen Abgründen: Ein Mann lebt mit seiner Mutter zurückgezogen in einer Mietwohnung. Auf Grund psychischer Erkrankungen gerät der als Clown und Comedian auftretende Außenseiter zur Zielscheibe der Stadtbewohner. Nach mehreren körperlichen Attacken und öffentlichen Demütigungen holt der selbsternannte Joker schließlich zum Gegenschlag aus und beginnt, seine Widersacher auf bestialische Art und Weise zu töten. Am Ende hat er ein großes Blutbad angerichtet und die ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt … War es das, was uns die Werbetrommel rührende Medienwelt ankündigen will, wenn sie von Zuschauern berichtet, die während des Films panisch die Kinosäle verlassen?

Selbst im Bemühen, im Vorfeld möglichst wenig über den neuen Film von Phillip Todd zu erfahren, konnte man derartigen Schlagzeilen kaum ausweichen. Und doch ist alles ganz anders. Also, erwarten Sie nichts. Dabei liegt die Betonung auf der unvoreingenommenen Erwartungshaltung und weniger auf unerfüllten Hoffnungen. Denn der Kinogänger kann sich „trotzdem“ auf einiges gefasst machen. Der Film, und so viel darf an dieser Stelle bereits verraten werden, ist in seiner Machart überraschend. Aber keineswegs enttäuschend, ganz im Gegenteil.

JOKER Kritik lesezeichen.rocks

Charakterstudie vs. Superheldenaction

Betrachtet man das Tempo des Films, den Rhythmus der Erzählart, wird schnell deutlich, dass hier kein Popcorn-Blockbuster entstehen sollte. Superhelden in hautengen Kostümen wie die Avengers würden in diesem Gotham City so deplatziert wirken, wie Daniel Day Lewis als Mad Max oder Dieter Bohlen in der Rock and Roll Hall of Fame. Statt computergenerierter Explosionen und rasanter Verfolgungsjagden mit raketenbetriebenen Hoverboards hält die Kamera stattdessen minutenlang auf Joaquin Phoenix, alias Arthur Fleck, alias JOKER. Sein Minenspiel ist es, was der Zuschauer sehen will und zu sehen bekommt. Wenn Joaquin Phoenix während eines Dialogs (auch mit sich selbst) genüsslich eine komplette Zigarette qualmt, wird klar: Hier nehmen sich Regisseur und Schauspieler die Zeit, die für einen intensiven Spannungsaufbau erforderlich ist. Das kann eine Szene für sich oder den über insgesamt 122 Minuten Filmlänge gespannten Bogen betreffen.

Man weiß nie, was man bekommt. Aber dass der JOKER keine Pralinen verteilt, weiß man bereits beim Lösen des Kinotickets. Denn dafür ist die Figur des Jokers zu unberechenbar gezeichnet. Das einzig Gradlinige und Vorhersehbare in seinem Tun ist die Willkür.

 

Alles nur krankhafte Einbildung?

Oder steckt doch mehr Kalkül oder sogar eiskalte Berechnung in seinen Taten? Als Zuschauer sollte man sich daher darauf einstellen, nicht zu jeder Situation und zu jedem Problem eine zufriedenstellende Antwort zu finden oder serviert zu bekommen. Allein das psychische Krankheitsbild des Protagonisten Arthur Fleck ist bewusst so vielschichtig und multifunktional angelegt, dass es für jeden Psychiater unmöglich wäre, ein halbwegs brauchbares Psychogramm erstellen zu können. Oder ist doch alles nur der Phantasie entsprungen? Wie viele Handlungselemente gehören der Realität an und welcher Teil der Story spielt sich nur im Kopf des Jokers ab? Die Drehbuchautoren Phillip Todds und Scott Silver klären darüber nicht abschließend auf, das Gesamtbild des Jokers bleibt verzerrt.

Oscar für Joaquin Phoenix?

Im Verlauf des Films erfährt der Zuschauer häppchenweise, woher seine Störungen rühren könnten. Selbst für uns Hobbyseelenforscher ist es hiernach wenig verwunderlich, dass Arthur Flecks Kindheit nicht gerade als Vorzeigemodell für intakte Familienstrukturen herhalten kann. Aufgewachsen ohne Vater, muss Fleck mittlerweile seine kränkelnde Mutter pflegen, die zwar wie Catweazle auf Valium wirkt, aber nicht weniger Wahnvorstellungen vorweisen kann.

 

Gestörte Mutter-Sohn-Beziehung

Dargestellt wird Flecks Mutter Penny von Frances Conroy, die schon als standhaftes Familienoberhaupt in der Seriensaga „Six Feet Under“ (ihr Mann stirbt bereits in der ersten Folge) die Psychosen und Neurosen ihrer Kinder und deren Partner zu managen hatte. In ihrer Bedürftigkeit geradezu mitleiderregend, erfährt in der Folge sowohl der Zuschauer als auch ihr Sohn Arthur, dass sie ihre Mutterrolle und Fürsorgepflicht in der Vergangenheit nicht nur sträflich vernachlässigt hat, sondern immer noch in der Lage ist, ihren Sohn in Abhängigkeit an sich zu binden. Auf seine Bemerkung hin, Stand-up-Comedian werden zu wollen, entgegnet sie kühl:

Don’t you have to be funny to be a comedian?

Auch als angehender JOKER hat man es nicht leicht. Und leicht haben es ganz bestimmt nicht diejenigen, die sich mit dem Joker anlegen. Als in der U-Bahn das Aufeinandertreffen mit einem pöbelnden Männertrio eskaliert und die Polizei nach einem Clown fahndet, manövriert sich Fleck noch tiefer ins gesellschaftliche Abseits. Aber spätestens jetzt scheint er gelernt zu haben, wie er sich zur Wehr setzen kann. Arthur Fleck ist zwar als Joker jederzeit zu Späßen aufgelegt – er kann aber auch anders.

Joaquin Phoenix als Arthur Fleck

 

Mit wohltuender Langsamkeit der 70er Jahre

Auch mit Arthur selbst möchte man im Grunde Mitleid haben. Ein Outsider wie aus dem Bilderbuch, dessen High-School-Zeit man sich gar nicht erst vorstellen will. In philanthropischer Haltung zittert man mit dem Antihelden bei jeder Begegnung mit dem nächsten möglichen Feind. Zu schnell und zu nah bewegt sich der Dialog an und ebenso über der Grenze zu Spott und Verachtung. Zu keinem Zeitpunkt vermittelt der Film dem Zuschauer das Gefühl, Arthur oder Joker wird sich halbwegs souverän aus der jeweils brenzligen Situation befreien. Ihm fehlt schlicht das emotionale Rüstzeug, um sich behaupten zu können. Oder anders ausgedrückt: Das ist glatte Absicht, denn der Joker wird in all seiner Unberechenbarkeit immer mehr zur tickenden und explodierenden Zeitbombe. Das soll sich zum Ende hin noch steigern, selbst wenn keine Wolkenkratzer explodieren oder Aliens angreifen. Für die Zuschauer, die NICHT den neuesten Avengerkracher sehen wollten, ist das so beruhigend wie das Ergebnis stimmig ist.

Optisch kann man die rein fiktionale Comic-Verfilmung ins New York der 70er Jahre einordnen. Zu eindeutig erscheinen die architektonischen Parallelen, die Yellow Cabs, altbekannte Subwaybilder oder auch der – aus heutiger Sicht – so unglamourös entspannte Kleidungsstil. Kombiniert mit Lawrence Shers kontrastreicher Kameraarbeit, die sowohl die Schärfe in Phoenix‘ heruntergehungertem Gesicht als auch die Totalen von Gotham City virtuos einfängt, kann man sich leicht an dem künstlerischen Potential des Films erfreuen.

Regisseur Phillip Todd Joker

 

Kurzauftritt des zukünftigen Batman Bruce Wayne

Verlassen wiederum kann man sich auf nichts. Das liegt unter anderem daran, dass man als Zuschauer nie mehr Informationen erhält als Arthur Fleck selbst. Man begleitet ihn in seiner Entwicklung und auf seinem Weg zu sich und schließlich zu Joker, sozusagen von der Juniortüte zum Horrorclown. Ein Puzzlestück von der Verwandlung vom schüchternen Clown, der viel einstecken muss, hin zum Maskenträger, der zu allem entschlossen ist, findet sich auf der Suche nach seinem mutmaßlichen Vater, Thomas Wayne. Der Batmanfan horcht auf und ahnt schon, was sich da anbahnt. Zumal der aufgesuchte Superreiche noch einen weiteren Sohn hat, der auf den Namen Bruce hört und noch gar nicht wie ein Bat Boy erscheint … Der stille Sprössling wiederum wird von seinem Vater wie ein Vögelchen behütet, denn wer will schon freiwillig die Vaterschaft eines augenscheinlichen Taugenichts beurkunden? Thomas Wayne sicherlich nicht.

Sollte Gotham City am Ende auf genau diesen Antihelden gewartet haben? Auf jemanden, der „den ganzen Dreck von den Straßen spülen“ soll …? Auch wenn es sich eher um einen selbst erteilten Auftrag handelt, dessen Grundthematik dem Cineasten bekannt vorkommt. Beim Kinostart von Taxi Driver im Jahr 1976 war Regisseur Todd Phillips (Starsky & Hutch, Hangover 1-3, A Star is born) gerade mal fünf Jahre alt. Der Endvierziger hatte offenbar große Lust, Martin Scorseses stilprägenden Klassiker in punkto Handlung und sogar Machart in die comicüberladende Filmwelt der Neuzeit zu übertragen. Aus dem durchtrainierten, ehemaligen Vietnamveteran Travis Bickle, der als Einzelgänger im Kampf gegen „das Gesindel“ zum großen Finale ausholt, wird Arthur Fleck alias Joker, der über Zurückweisung und Demütigung zur Kampfmaschine mutiert.

 

Robert De Niro überlässt dem Joker die Bühne

Dass sowohl de Niro als auch Phoenix für ihre Rolle exakt 25 Kilogramm abgenommen haben, ist wohl eher Zufall. De Niros Mitwirken als Showmaster Murray Franklin sicherlich auch. Jedenfalls hält er sich zugunsten der jederzeit gut funktionierenden One-Man-Show geradezu vornehm zurück. Aber der Titel ist nun mal Programm und das wird vom Joker opulent gestaltet.

Joker Robert De Niro

Joaquin Phoenix (Gladiator, Walk the Line, Her) ist DER JOKER. Mit Haut und (langen) Haaren. Eine Performance, die der Academy gefallen könnte. Schwer zu glauben, dass er die (auch von ihm) begehrte Trophäe im kommenden Jahr nicht bekommen wird. Seine Schauspielleistung ist intensiv, konsequent und bleibt nachhaltig in Erinnerung. Zudem eignet sich der Film als preisförderndes Vehikel, selbst wenn Schauspieler Phoenix 2019 bei den Filmfestspielen in Cannes zwar gefeiert, aber – im Gegensatz zum Film – nicht ausgezeichnet wurde. Aber vor allem geht es um eine vielschichtige Persönlichkeit, deren Psyche angeknackster nicht sein kann. Derartige Darstellungen sind bei geschicktem Casting und glaubhaftem Spiel quasi konkurrenzlos (z. B. Wie ein wilder Stier, Rain Man, Mein linker Fuß, Forrest Gump, Dallas Buyers Club etc.).

 

Gewinnt Joaquin Phoenix den Oscar?

Als anarchisches Vorbild der gleichnamigen Figur kann in diesem Fall die (posthum) oscarprämierte Leistung von Heath Ledger in Dark Knight (2008) herhalten. Darin verkörpert Ledger den Joker als zynischen, psychopathischen Rachengel, der sich und seinen Taten keine Grenzen gesetzt hat. Der zeitlich vorangestellte Film JOKER zeichnet demgegenüber Jokers Entwicklung vom Muttersöhnchen zum Bad Mann. Demzufolge umfasst Joaquin Phoenix‘ Interpretation des Gepeinigten und Austeilenden sämtliche Seiten einer gebrochenen Seele. Beinahe zart anmutende Momente, in denen Arthur Fleck etwa seine Mutter badet als auch die brachialen Gewaltausbrüche des Jokers. Einer der alles gibt und nicht mehr viel zu verlieren hat.

Joker Kritik Göran Ruser

 

Trotz heftiger Gewaltszenen – mit positiver Kritik muss bei JOKER nicht gespart werden

JOKER ist an einigen Stellen recht brutal geraten. Szenen, die ein normales, gesundes Gemüt an die Grenzen des Erträglichen bringen können. Auch wenn Hitchcock seinen Spaß gehabt hätte – in punkto explizierter Gewalt wird er in diesem Film um eine Nuance übertroffen. Aber auch Szenen eines Films mit Altersfreigabe ab 16 Jahren, die man in der Form bereits gesehen hat. Ein Nicolas Cage als Sailor in Wild at Heart weiß, wovon hier die Rede ist. Vielleicht hätte JOKER ohne die gezeigte Brutalität genauso funktioniert, andererseits wird der Charakter des Films dadurch nicht verfälscht. In Phillip Todds Werk geht es trotz der Batman-Verwandtschaft gerade nicht um Effekthascherei in Form von aufwendig inszenierten Verfolgungsjagden oder blutigen Gewaltszenen. Was diese Comicverfilmung auszeichnet, ist die komplette Gefühlspalette der Arthur-Joker-Figur, charismatisch zelebriert von einem grandios aufgelegten Joaquin Phoenix. Dass wir beim Kauf des Kinotickets bei JOKER mit einer gewissen Härte zu rechnen haben, hat man uns medienwirksam angekündigt.

Wer das Kino aufgrund der brutalen Szenen bereits während des Films verlässt, läuft jedoch Gefahr, das Gefühl beim Abspann zu verpassen, ein filmisches Gesamtkunstwerk erlebt zu haben. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Bildmaterial wurde mit freundlicher Genehmigung von Pure Online zur Verfügung gestellt.

 

 

Göran Ruser

 

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