Die beste Beziehungsserie 2019 bei Amazon Prime: Fleabag

 

Die beste Beziehungsserie 2019 (bei Amazon Prime): Fleabag

 

Im Grunde lohnt es sich kaum, eine Kritik über Fleabag zu schreiben. Das muss man selbst erlebt haben. Daher mein Tipp: vertrauen und schauen. Denn bereits nach den ersten Minuten ist man sich sicher, dass es nicht bei der ersten Folge bleiben wird. Gehen wir heute eben etwas später schlafen. Was kann man Besseres über eine Serie sagen? Fleabag macht süchtig. Das klingt zwar so abgedroschen wie gammlige Gerste. Aber spätestens in der dritten Folge ärgert man sich, dass man irgendwann ins Bett muss – Staffel 1 hat nur sechs Folgen. Das alles ist von einer Sucht nicht weit entfernt.

Man darf sich trotzdem freuen, die Hauptdarstellerin Phoebe Waller-Bridge war so gnädig, eine zweite Staffel über die Londonerin Fleabag zu schreiben. Mit Erfolg bei Publikum und Kritikern: 2019 hat die Serie so ziemlich alles abgeräumt, was es an Preisen zu gewinnen gibt. Kein Wunder, Fleabag braucht keine Lovestory, keine Drachen und Throne und auch keinen Mord. Fleabag findet im Hier und Heute und im Jetzt statt. So sehr, dass es auch mal schmerzt. Es bleibt aber genug Zeit, zu weinen, wütend zu sein oder zu lachen. Ein Lachen, kein albernes Schmunzeln, das nicht im Hals steckenbleibt. Es fliegt weit über den aufgerissenen Mund nach draußen.

 

Bei der Stadtneurotikerin bleibt kein Auge trocken

Fleabag nimmt den Zuschauer an der Hand und zeigt ihm die Londoner Welt. Zumindest ihren eigenen Kosmos, der alle Farb- und Gefühlspaletten zu bieten scheint. Wer Fleabag kennengelernt hat, weiß über die Weltstadt mit Riesenrad Bescheid. Zumindest hat man das Gefühl, dass man nicht mehr wissen muss. Ob sie für ihre zwanghaft neurotische Schwester Claire eine Fehlgeburt vortäuscht, ihr kleines Meerschweinchen-Café an die Wand fährt, sich an der nicht nur künstlerisch sexuell geladenen Stiefmutter in spe reibt oder sich selbst mit ständig wechselnden Kandidaten ins Bett flüchtet – Fleabag haut, wo sie nur kann, in die Vollen.

Wenn das ohne Rücksicht auf Verluste passiert, nimmt sie sich selbst nicht aus. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Sie kann tränenreich beides. Dabei will sie im Grunde nur helfen, sich selbst und allen anderen. Wer Fleabag gegenüber feindselig ist, bekommt das dagegen erstens zu hören und je nach Laune auch zu spüren.

 

Was fürs Auge und fürs Ohr

Als Vergleich kommt einem die schrullig-asexuelle Amélie und ihre fabelhaften Pariser in den Sinn, wenn man ans weibliche Anderssein in einer europäischen Metropole denkt. Dieser zugegebenermaßen eher abstrakte, womöglich hinkende Vergleich bildet auch die einzige Gemeinsamkeit der beiden Frauen. Allein das Serienformat über zwei Staffeln wirkt insofern zeitgemäßer, als dass man den französischen Jeunet-Klassiker heute nur mit Mühe zu Ende hechelt.

Dass auch Fleabag mit optischen Reizen nicht geizen will, zeigt der Golden Globe für die beste Kamera (!) in einer Comedyserie. Gary Dollner weiß genau, wann er draufhalten muss, wo die klaffende Wunde ist und wann sich die Linse auch mal ob der verwundeten Seele der Protagonistin zurückhalten muss. Wenn man nicht so an Fleabags Lippen und den herausströmenden Worten hängen würde – man könnte die Serie mit ihren fantastischen Bildern glatt ohne Ton genießen.

 

Sex als Übersprungshandlung

Fleabag (das Cambridge Dictionary beschreibt den Flohsack als „dirty and/or unpleasant person or animal“) zelebriert seine Skurrilität nicht nur farbenfroh oder stimmungsvoll, sondern knallt sie mit unmissverständlichen Worten ins Gesicht. Auch in das des Zuschauers, denn immer wieder durchbricht die so gar nicht „unangenehme Person“ die sogenannte Vierte Wand – und spricht ihn während der Unterhaltung mit einem Dritten direkt an. Das ist weniger irritierend als vielmehr neu und überraschend funktionierend. Nicht, dass sie einen Verbündeten braucht. Fleabag kommt als starke, selbstbewusste Frau rüber, die sagt, was sie denkt und tut, was sie will.

Von wegen.

In diesen Momenten zeigt sich die eigentliche Stärke der Serie. Phoebe Waller-Bridge spielt Fleabag als verletzliche Frau, die sich zwar nach außen behaupten kann, sich aber dennoch nicht wohl fühlt in ihrer Haut. Fleabag zweifelt an sich und an ihrem Körper. Die Vorstellung, keinen Mann mehr fürs Bett zu finden, macht ihr am meisten Angst. Deshalb springt sie beinahe alles an, was auf der Straße oder im Londoner Underground keinen Rock trägt. Dass sie sich nach dem Akt darüber wundert, wie bestimmte größere Körperteile in anderen bedeutend kleineren Körperöffnungen verschwinden können, ist nur einer der mit dem Zuschauer geteilten Gedanken. Dabei hatte sie nicht mal die Missionarsstellung im Sinn.

 

Wann ist Staffel 3 von Fleabag bei Amazon Prime zu sehen?

Fleabag mag man – oder man liebt sie. Einige andere stehen dagegen nicht wirklich auf die in ihren Augen „ordinäre, derbe, alberne, anstößige und abstoßende“ Serie. Wenn dann noch die „egoistische und nervige Person“ oder gleich sämtliche „unattraktive und ausgesprochen unsympathische Briten“ auftauchen, stößt das so manchem Prime-Nutzer sauer auf (siehe -> Amazon-Rezensionen). Phoebe Waller-Bridge gefällt also nicht jedem. Aha. Nach dem Genuss von ein, zwei Folgen weiß der Zuschauer jedoch, dass sie das partielle Nichtgefallen einer überschaubaren Minderheit sehr wohl in Kauf genommen hat. Das ist schließlich das Prinzip, wenn man sich auf eine bestimmte Gruppe fokussiert.

Wer den Zuschauer mit direkter Sprache, grenzenloser Tabulosigkeit bei der Themenauswahl und schonungsloser Offenheit beschenkt, der darf sich nicht wundern, wenn hinterher eine treue Fangemeinde auf Knien um die Fortsetzung der Serie bettelt. Ob es mit Amazon Prime und einer dritten Staffel Fleabag weitergeht, ist noch offen.

Der Erfolg der zwei Staffeln gibt zumindest Anlass zur Hoffnung, dass die Geschichte von Fleabag, ihrer zwanghaften Schwester, dem sexy Pfarrer und ihrer vermeintlichen Sexsucht noch nicht zu Ende erzählt ist.

 

Die (wichtigsten) Auszeichnungen für Fleabag

Primetime-Emmy-Verleihung 2019:

  • Beste Comedyserie
  • Beste Regie – Comedyserie (Harry Bradbeer)
  • Bestes Drehbuch – Comedyserie (Phoebe Waller-Bridge)
  • Beste Hauptdarstellerin – Comedyserie (Phoebe Waller-Bridge)
  • Bestes Casting – Comedyserie (Olivia Scott-Webb)
  • Beste Kamera – Comedyserie (Gary Dollner)

Golden-Globe-Verleihung 2020:

  • Beste Serie – Komödie/Musical
  • Beste Serien-Hauptdarstellerin – Komödie/Musical (Phoebe Waller-Bridge)

 

Was diese Preise aussagen? Nimmt man die Nominierung im Jahr 2014 für den Olivier als bestes Theaterstück („Outstanding Achievement in an Affiliate Theater“) hinzu, hat Fleabag in England, Hollywood und vom Auslandspresseverband (HFPA, Golden Globes) mehr goldenes Metall gewonnen als irgendeine andere britische Produktion in den vergangenen Jahren.

Wie wir lesen mussten, gehen die Geschmäcker bei „unattraktiven und unsympathischen“ Engländern auseinander. Aber es stellt sich die Frage, was Hauptdarstellerin und Drehbuchautorin Phoebe Waller-Bridge (34) motivierte, als sie das Skript geschrieben hat? Lassen wir die Antwort ihr eigenes Geheimnis sein und wünschen wir ihr weniger eigene Erfahrungen, als Fleabag in der Serie machen musste.

 

Reden bis zum Höhepunkt

Denn als Zuschauer muss man ständig damit rechnen, dass sich einer verletzt fühlt. Ganz gleich, ob sie mit ihrem Vater, der Schwester Claire, ihren Freunden, dem gerade aktuellen Partner oder irgendeinem Fremden spricht. Dabei geht es weniger um bewusste Beleidigungen als vielmehr mitunter schmerzende, ehrliche Worte. Waller-Bridge gelingt es, den Dialog so aufzubauen, dass er sich maximal entladen kann. Sei es das rhetorische Stilmittel Klimax oder die erotisch-stimulierte Klitoris – bei Fleabag steigert sich ein Tête-à-Tête schnell zum schreienden Höhepunkt. Da fliegen Fetzen, Scherben und Worte, die butterweich als auch scharfkantig ins Fleisch schneiden.

Man muss nicht gleich prüde oder very happy darüber sein, dass der Brexit endlich vollzogen wird. Die Sprache ist in ihrer Direkt- und auch Derbheit so manchem Gelegenheitsgucker zu, äh …  direkt. Die Fleabag-Jünger bei Amazon Prime wiederum sind froh, dass auf dem Bildschirm das pralle Leben stattfindet und endlich jemand die passenden Worte gefunden hat.

Möge Phoebe Waller-Bridge noch viele Wörter folgen lassen. Wir saugen auch die dritte Staffel wollüstig aus dem britischen Prime-Äther.

Göran Ruser

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