Mein Ostbelgien (Teil 1)

Meine Tour durch Ostbelgien (1. Teil)

 

Jeder, der mich in Aachen besucht, bekommt diese Tour, und jeder war bisher angetan von diesem kleinen Stück Ostbelgien, das an einem Tag gut zu bewältigen ist.

 

Um nach Belgien zu kommen, geht es erst einmal nach Holland. Im quirligen Vaals locken rechts und links die Grenzgeschäfte wo der gewöhnliche Teutone erst einmal einen Karton billigen Kaffee kauft. Weiter auf der Straße Richtung Maastricht erscheint dann links die Fritüre Delnoye, wohl eine der besten ihrer Art im Süden der Niederlande mit selbstgemachtem zuurvlees, einem süßsauren Schmorragout, so zwischen Sauerbraten und Goulasch. Wer dann am Kreisverkehr geradeaus fährt erlebt die „Dutch Mountains“, het Limburgse Heuvelland (Limburger Hügelland), die einzige Gebirgsstrecke des gesamten Königsreichs. Bis zu 250 Meter über dem Meeresspiegel ragen die manchmal im Winter sogar schneebedeckten Gipfel.

Nach links hingegen geht es Richtung Belgien.

Auf dem Weg dorthin geht es an einem echt niederländisch-kreativen Museum vorbei. Ein calvinistischer Holländer hat eine ganze Kirche voll mit Heiligenfiguren, die dem nachkonziliaren Bildersturm entkommen sind, gestellt und dabei noch ein nettes Ausflugslokal eingerichtet. Sogar standesamtlich heiraten kann man dort.

Weiter geht es zum Dreiländerpunkt. Während sich die großen Deutschen eher weniger darum scheren und bis zur Grenze Wald wachsen lassen, sieht es bei den Nachbarn anders aus. Schließlich ist der Vaalserberg mit 322,5 Metern der höchste Punkt der europäischen Niederlande. Auf belgischer Seite geht es noch ein paar Zentimeter höher. Dort kann man auf dem Baudointurm die schöne Aussicht über das Herver Land, Aachen und Südlimburg erleben oder im Lokal ein „Drie Steng“ genießen ein schönes dunkles Spezialbier, extra für das Lokal gebraut. Auf holländischer Seite ist richtig Rummel. Immerhin ist der Vaalserberg, wie man nicht oft genug wiederholen kann, der Mount Everest der Holländer. 50 Meter neben dem belgischen Restaurant steht sein holländisches Pendant, 300 Meter vom Baudointurm Richtung Vaals steht sein niederländisches Pendant, der Wilhelminatoren. Daneben ist noch ein Irrgarten, einige Spielgeräte zur Kinderbelustigung und natürlich das Denkmal, die den höchsten Punkt anzeigt.

Kuddelmuddel auf Französisch und Platt

Vom Dreiländerpunkt geht es dann schräg links Richtung Gemmenich. Der Ort selbst ist nicht so spannend, sieht man von der exzellenten Fritüre in der Dorfmitte einmal ab. Interessant aber ist die Sprache. Gemmenich, das Tor zum Herver Land, gehört zur „platdietsen streek“, der Plattdeutschen Region. In diesem altbelgischen Dorf war bis 1919 Schul- und Kirchensprache deutsch und Lingua Franca ein limburgischer Dialekt. Nachdem die Deutschen im Ersten Weltkrieg im Herver Land übelst gewütet hatten, wurde in den Zwanziger Jahren das Französische die offizielle Sprache. Heute noch hört man, wie ein Gesprächspartner Platt spricht und der andere französisch oder sich beide Sprachen in völligem Kuddelmuddel abwechseln. Wenn einem nicht nach den berühmten belgischen Fritten der Sinn steht, geht es scharf nach rechts hoch Richtung Sippenaeken. Für den deutschsprachigen Ostbelgier aus dem Eupener Land hat „Sippenaeken“ den Klang von „Hintertupfingen“ oder „Posemuckel“. Also flott weiter Richtung Teuven, da es nicht viel zu sehen gibt. Aber dann: Schloss Beusdael liegt am Rand, ein herrliches Wasserschloss aus der Renaissance.

Hier lohnt es sich genauer hinzuschauen, nur hinein darf man leider nicht. Es gibt nirgendwo so viele Schlösser und Burgen wie in Belgien, sodass man nicht alle zu Museen machen kann. Das Schloss ist ein kirchliches Tagungszentrum. Ein Stück weiter ist ein kleiner Bunker, auf dem die belgische Trikolore weht. Bekanntlich kam ja der Feind aus dem Osten. Wer hier aus dem Auto steigt sieht die hügelige kräftig grüne Landschaft des Herver Landes mit dem jetzt unten liegenden Schloss Beusdael. Es ist eine Landschaft wie bei den alten Meistern. Hier lohnt es sich etwas zu verweilen und einfach zu schauen.

Auf dem Weg nach Teuven ist mitten im Wald ein Denkmal, das einen mit einem in Deutschland unbekannten aber in Belgien äußerst lebendigen Teil deutscher Geschichte konfrontiert. Die Niederlande waren im Ersten Weltkrieg neutral. Um Fluchten nach Norden zu verhindern, haben die kaiserlichen Truppen die Grenze von Vaals bis Knokke unter Hochspannung gesetzt. Dieser „dodendraad“ (Totendraht) kostete vielen Belgiern das Leben. Hier verläuft auch eine der Sprachgrenzen Belgiens. Das Herver Land endet und mit Teuven beginnt die Voerstreek, die zum flämischen Landesteil gehört.

Dr. Klaus Schlupp

http://www.doktor-schlupp.de

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