Chinning – der Mut zur alltäglichen Hässlichkeit

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Ein neuer Trend macht sich in den sozialen Medien breit: Mehr Mut zur Hässlichkeit – endlich! Weg von der Entenschnute, den künstlich geschönten Selfies und zur Schau gestellten Fitness- und Lifestyle-Aktivitäten.

Spieglein, Spieglein an der Wand – wer ist die Schönste im ganzen Land? Das scheint das Motto vieler Internet-Userinnen heutzutage zu sein, denn viele junge Damen zwischen 15 und ca. 35 Jahren wollen sich heutzutage in puncto Schönheit gegenseitig übertreffen. Obwohl, vielleicht nicht unbedingt übertreffen. Aber viele sind süchtig nach geschönten Selfies und bekommen nicht genug von ihrem meist künstlich geschönten Antlitz. Photoshop und Beauty-Apps machen es modernen Smartphone-Usern leicht, vom hässlichen Entlein zum bezaubernden Schwan zu mutieren. Auch 10 kg Übergewicht sind kein Problem, die lassen sich einfach wegmogeln.

 

Sehr erfrischend wirkt dagegen der neue Trend des „Chinnings“, den eine Chinesin gegründet hat. Es ist die 21-jährige Michelle Liu, die einfach keine Lust hat, sich auf Selfies schön und attraktiv zu zeigen, sondern sie zeigt sich überall auf der Welt mit Doppelkinn-Grinsen. Statt süßlicher Entenschnute fratzenhaftes Grinsen. Dabei sieht der Betrachter, dass Michelle keinesfalls unattraktiv wäre, sie hat aber offensichtlich kein Bedürfnis ihre Schokoladenseite zu zeigen.

 

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Chinning – zeig mir dein Doppelkinn

Da Michelle von Natur aus wohl gar nicht besonders hässlich ist, hilft sie mit der Doppelkinnpose nach. Das kommt auch daher, dass so gut wie alle schönheitssüchtigen Selfie-Queens ihre Fotos von oben nach unten schießen. Nur so, sieht man wirklich gut aus! Probieren Sie es aus, es ist etwas Wahres dran, allerdings sehen so auch alle Selfies irgendwie gleich aus. Statt von oben, fotografiert Michelle nun von unten.

Der Schönheitswahnsinn auf Instagram und co. nimmt eh immer groteskere Züge an. Auch junge, schlanke Beauties sind mit ihren Fotos erst zufrieden, wenn jeder Makel ausgemerzt ist. Moderne Techniken und Filter machen es möglich. So weit, so gut. Schlimm ist nur, dass nicht 1 bis 10 schöne Fotos einer Person reichen, sondern dass ständig nachgelegt werden muss. So läuft leider auch das Geschäft auf Instagram. Hochglanzpolierte, klinisch reine Motive sind gefragt, Realismus ist out. Falten muss man auf Instagram lange suchen. Irgendwie sind alle jung, schön und straff, wenn auch viele zu ihrer molligen Figur stehen, was heutzutage wieder en vogue ist.

Michelle Liu kämpft gegen den wahnsinnigen Druck, den die neuen Beauty Standards auslösen. Mit ihre Kinn-Selfies bringt sie den Betrachter zum Lachen und zeigt, wie albern und oberflächlich der übersteigerte Beauty-Wahn geworden ist.

Hashtag Chinning

Unter dem Hashtag #Chinning versuchen sich nun viele Instagram-User weltweit auch in dieser Pose zu zeigen. Allein, den wenigsten gelingen so witzige Bilder wie Michelle. Ihre Posen wirken merkwürdig verkrampft und gestellt, man merkt, dass die meisten Leute sich nicht gern hässlich zeigen. Statt nachzuahmen, sollte man sich auch eher Gedanken machen, wie man den Trend ausweiten kann, vielleicht unter dem Hashtag #ugly mal mehr unvorteilhafte oder normale Posen zeigen.

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Der schöne Schein bringt Geld

Warum so viele „Beauties“ alles tun, um auf ihren Fotos zum Anbeißen süß, schlank und umwerfend schön auszusehen, liegt auf der Hand. Zum einen ist es die anscheinend unersättliche eigene Eitelkeit, zum anderen der schnöde Mammon. Beauty-Blogger und Mode-Blogger verdienen ihr Geld mit Schönsein. Make-up Produkte, die man verkauft, sollen zeigen, dass sie verschönend wirken. Mode verkauft sich nur gut, wenn das Model darin gut aussieht.

Der Druck, immer schön und schlank auszusehen für seine Follower ist so grotesk geworden, dass man sich ohne mit der Wimper zu zucken, ein ganz anderes Antlitz und einen neuen Körper zaubert. Prominentes Beispiel ist Daniela Katzenberger, die in ihrem Facebook-Account immer recht schlank, mit elfenhaft schmalem Gesicht (hohe Wangenknochen, volle Lippen) erscheint und auf Papparazzi-Fotos ganz anders aussieht. In Wahrheit ist ihr Kopf viel größer und breiter, ihre Wangenknochen nicht besonders hoch und der Mund wesentlich schmaler. Doch beim Gesicht hört es bei unseren Beauties gar nicht auf. Katzenberger mogelt sich auf ihren Selfies und eigenen Fotos gut und gerne 10 kg schlanker. Hartnäckig erklärt sie ihren Fans, sie würde Kleidergröße 36 tragen, während TV-Auftritte, Videos und Fotos in Illustrierten ein ganz anderes Bild zeigen: Eine Katze mit mindestens Größe 42/44.

Doch die Welt und vor allem die kauffreudigen Fans und Follower wollen belogen werden. Wie soll sich ein Schlankheitsprogramm verkaufen, wenn man davon dann doch wieder zunimmt?

Uns Verbrauchern und weniger Selfie-Süchtigen bleibt nur eines: Nichts zu glauben, was man auf Fotos sieht. Alles kann bearbeitet, geschnitten und geschönt werden.
Dem leeren schönen Schein, der im Grunde niemanden wirklich glücklich macht, sollten wieder mehr innere Werte und mehr Inhalt in den Aussagen entgegengesetzt werden.
Michelle Liu ist hoffentlich nur der Anfang von einer neuen Welle, dem Mut zur ganz normalen alltäglichen „Hässlichkeit“.

J. Florence Pompe 

Über J. Florence Pompe 34 Artikel
J. Florence Pompe ist freiberufliche Texterin seit 2010. Nach dem Studium der Germanistik und Pädagogik arbeitete sie einige Jahre in einem kleinen Lehrmittelverlag. Als Texterin führt sie mehrere eigene Wordpress-Blogs und arbeitet für Kunden redaktionell. Am liebsten schreibt sie über Mode, Schmuck, Interieur, Design und Kunst. Alles, was mit Farben und Formen zu tun hat, fasziniert sie. Zum Thema Mode hat sie eine besondere Affinität, da sie in ihrer Jugend viel genäht hat und sich mit Stoffen und Schnitten gut auskennt. Website: www.papillon-texte.de

2 Kommentare

  1. Guter Artikel! Wobei ich finde, dass Daniela Katzenberger mit Kleidergröße 42/44 echt besser aussieht. Ich kann mich noch an ihre ersten Auftritte auf VOX erinnern, da waren es genau die Kurven, die die Zuschauer sehen wollten.

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